Das letzte Hemd

28. Juli 2011 von Christhard Landgraf  | Druckansicht dieses Beitrages/dieser Seite

Bin ich eine Mimose? So ein schamhaftes Ding, das bei der kleinsten Berührung zusammenzuckt?
Ich behaupte das von mir eigentlich nicht: Über fünfzig Jahre auf dem Buckel, über dreißig Jahre DDR ausgehalten, zwei Kinder fast groß bekommen – aber jetzt ist Schluss. Jahrelang habe ich es geduldig ertragen, gute Miene zu bösem Spiel gemacht, versucht, selbst Hand anzulegen, Nähmaschine nähen gelernt, getrennt und gesäumt: Ihr Hemdennäher (die T-Shirt-Fritzen sind auch nicht gerade besser), macht die Oberhemden tragbar! Keine Kunstfaseretiketten mit scharfen Kanten mehr im Kragen, kein hartes, scheuerndes Kunststoffnähgarn mehr für den Halsbereich. Und wer da denkt, es sind nur die billigen Oberhemden, dem sage ich: Stones, Schütte Lanz, CG Circle of Gentlemen, Seidensticker gehören zu den üblichen Verdächtigen.
Ist die Haltbarkeit des Hemdennäheretikettes (aus Kunstfaser, obwohl das Oberhemd aus Leinen ist) wichtiger als der Tragekomfort oder soll der wunde Hals die Erinnerung an den Hemdennäher rund um die Uhr wachhalten. Wir Designer von Druckerzeugnissen meißeln das Impressum doch auch nicht in eine beigelegte und angekettete Kalkplatte.
Die Anregung für ein Kochexperiment hab ich Euch aus dem Vomper Loch, Karwendel (Kalkalpen) in Österreich (Tirol) mitgebracht, die eigentlich schweren Semmelknödel werden zusammen mit Mangold zu einer leichten Gaumenfreude verzaubert.
Hier also meine „Semmelknödel mit Mangold“.
Den frischen Mangold mit Strunk und Blatt klein hacken und zusammen mit einer frischen, klein gehackten Chilischote in Olivenöl bissfest dünsten. Danach abtropfen lassen, salzen, pfeffern, mit einem Hauch Muskat versehen, mit glasig gedünsteten Zwiebeln und mit den alten, in Milch eingeweichten, klein geschnittenen Semmeln zu kleinen Klößen formen (bitte Teig abschmecken!). Beim Verhältnis Mangold und Semmeln gibt es viel Spielraum. Sollte der Teig zu feucht sein, kann etwas Mehl die Bindung bringen. In einem Topf mit kochendem Salzwasser die Klöße zehn bis zwanzig Minuten ziehen lassen. Vor dem Servieren kann man die Klöße noch in zerlassener Butter schwenken, auf dem Teller werden sie mit geriebenem Hartkäse überstreut. Dazu reicht man einen sommerlichen Salat aus Radieschen, dunklen Möhren (Purble Haze) und Blattsalat, angerichtet mit einer frischen Kräutermischung z. B. aus Löwenzahn, Sauerampfer, Zitronenmelisse und Salbei. Sollten zu viele Klöße entstanden sein, werden sie in den nächsten Tagen in Scheiben geschnitten und scharf angebraten verzehrt.

Gutes Gelingen.
Euer Christhard „Otto“ Landgraf

Frank-Peter Hennig, Track und Bilder aus dem Vomper Loch, 2011
Abb.: Lovis Corinth (21. Juli 1858 – 17. Juli 1925) – Selbstporträt mit Tiroler Hut, 1913, Öl auf Leinwand, 80 × 60 cm

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